Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

Milchkühe auf einer Weide vor einem Stall Milchkühe auf einer Weide Milchkühe auf einer Weide Quelle: Edler von Rabenstein - stock.adobe.com

Was ist drin, wenn Weidemilch draufsteht?

Während in den Niederlanden Weidemilch bereits seit Jahren ein Verkaufsschlager ist, greifen Verbraucherinnen und Verbraucher hierzulande noch relativ selten zu Produkten, die von Kühen stammen, die auf der Weide gehalten wurden. Das könnte sich nun ändern.

Denn nachdem lange schwer durchschaubar war, was sich hinter dem Begriff "Weidemilch" überhaupt verbirgt, sind seit einigen Monaten vermehrt entsprechend gelabelte Weidemilch-Produkte im Kühlregal zu finden.

Auf Milchverpackungen sind grasende Kühe weit verbreitet. Doch die Realität sieht häufig anders aus. Die Milchviehhaltung verlagert sich immer stärker von der Weide in den Stall. Gerade in größeren Betrieben kommt nur noch jede dritte Kuh auf die Weide. Für einen Milchviehbetrieb ist die Weidehaltung nicht nur aufwändiger - etwa hinsichtlich des Melkens oder der Zaunpflege. Kühe, die statt Kraftfutter Gras und Heu fressen, geben auch weniger Milch.

Auf der anderen Seite sind weidende Kühe als Marketing-Instrument ja gerade deshalb so beliebt, weil darin Verbraucherwartungen zum Ausdruck kommen. So gehören laut einer Studie der Universität Göttingen für rund 80 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher Kühe zumindest im Sommer auf die Weide.

Kein Wunder also, dass Erzeugnisse wie Weidemilch oder Heumilch immer beliebter werden und eine wachsende Zahl an Molkereien versucht, ihre Milch entsprechend zu vermarkten. Und das durchaus mit Erfolg. In Österreich etwa erreicht Heumilch bereits einen Marktanteil von 15 Prozent. Der Marktanteil für Weidemilch liegt in Dänemark bei rund 20 Prozent. In den Niederlanden stehen beinahe 80 Prozent der Kühe auf der Weide.

Aber was genau verbirgt sich hinter diesen Bezeichnungen? Und wie lassen sich diese Unterschiede erklären?

Was unterscheidet Heumilch von Weidemilch?

Heumilch unterscheidet sich hinsichtlich der Fütterung von herkömmlicher Milch, bei Weidemilch gilt dies für die Haltung. Heumilch stammt von Kühen, die nicht mit Silage, sondern mit frischem Grünlandfutter, Heu und Getreide gefüttert wurden (mehr zur Fütterung von Milchkühen erfahren Sie im Online-Angebot des BZL). Während es aber zum Beispiel in Österreich ein so genanntes Heumilchregulativ gibt, das von unabhängigen Stellen kontrolliert wird, ist in Deutschland die Bezeichnung "Heumilch" lebensmittelrechtlich ebenso wenig geregelt wie die Bezeichnung "Weidemilch".

Wie viel Zeit eine Kuh auf der Weide verbringen muss, ehe von Weidehaltung gesprochen werden kann, ist daher durchaus strittig und hat in Deutschland auch schon die Gerichte beschäftigt. Mit dem Ergebnis, dass Milch von Kühen, die an mindestens 120 Tagen im Jahr mindestens sechs Stunden auf der Weide waren als Weidemilch vermarktet werden darf, sofern diese Kriterien auch auf der Packung angegeben sind.

Während sich an dieser Mindestvorgabe zahlreiche Anbieter orientieren, sind die weiteren Kriterien häufig ganz unterschiedlich geregelt. Etwa die Frage, ob es für die Tierhaltung im Winter ebenfalls Vorgaben gibt, wie die Tiere abseits der Weide gefüttert werden, ob dabei auch auf gentechnisch veränderte Futtermittel zurückgegriffen werden darf und wer kontrolliert, ob diese Regeln tatsächlich eingehalten werden.

Mehr Transparenz durch neues Weidemilch-Label

Mehr Transparenz für Verbraucher können hier klar definierte Produktlabel schaffen. Vorreiter in Deutschland ist in dieser Hinsicht das 2017 gestartete Gütesiegel "Pro Weideland – Deutsche Weidecharta", mit dem das Land Niedersachsen die Weidehaltung fördern und Milchbauern für ihren Beitrag zum Tierwohl und zum Erhalt von Grünland entlohnen will. Es basiert auf einem breiten Bündnis von Landwirtschafts-, Umwelt- und Tierschutzverbänden, Wissenschaft und Politik und ergänzt den oben erwähnten Standard von 120 Tagen mit je sechs Stunden Weideauslauf um folgende Kriterien:

  • Pro Kuh müssen 2000 Quadratmeter Dauergrünland (davon mind. 1000 Quadratmeter Weidefläche) zur Verfügung stehen.
  • Die ganzjährige Bewegungsfreiheit der Tiere muss gewährleistet sein.
  • Die Kühe dürfen nur gentechnikfreies Futter erhalten.

Die Einhaltung dieser Kriterien wird durch die Molkereien sowie externe Auditoren regelmäßig überprüft. Die teilnehmenden Molkereien müssen sich verpflichten, die Milch getrennt zu sammeln und zu verarbeiten.

Lohnt sich Weidemilch auch für Landwirtinnen und Landwirte?

Seit Ende April 2017 ist entsprechend zertifizierte Weidemilch beim Discounter Lidl erhältlich, seit Mitte August auch in REWE-Märkten. Dass Verbraucherinnen und Verbraucher grundsätzlich bereit sind, für Weidemilch einen Preisaufschlag zu zahlen, zeigen die positiven Erfahrungen aus Dänemark und den Niederlanden. Mit dem Pro Weideland-Label verknüpft ist das Ziel, Betrieben die Weidemilch produzieren, zukünftig einen Aufschlag von fünf Cent pro Liter Milch zu zahlen.

Forscher der Universität Göttingen, die das Projekt zur Einführung des Labels wissenschaftlich begleitet haben, weisen auf die Gefahr des sogenannten Verdünnungseffekts hin. Er besteht vereinfacht gesagt darin, dass beim einzelnen Weidemilch-Bauern vom Preisaufschlag wenig ankommt, so lange nur ein kleiner Teil der Milch, der von Betrieben mit Weidehaltung stammt, auch tatsächlich als gelabelte Weidemilch verkauft wird.

Ob Landwirtinnen und Landwirte, die ihre Kühe auf die Weide lassen, angemessen entlohnt werden können, wird also nicht nur vom Kaufverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher abhängen, sondern auch davon, die Produktpalette zu erweitern und auch Käse, Butter, Sahne oder Joghurt aus Weidemilch zu vermarkten.

Vorbild und Konkurrenz – das niederländische Modell

In den Niederlanden ist der Schritt aus der Nische längst geglückt. Dort wurde aber auch bereits 2007 ein Weidemilch-Label eingeführt. Ob es gelingt, den Niederländern bei der erfolgreichen Vermarktung von Weidemilch nachzueifern oder ob ganz im Gegenteil das dortige Erfolgsmodell der Verbreitung von Produkten mit dem neuen "Pro Weideland"-Label hierzulande im Wege steht, bleibt abzuwarten. Seit 2016 wird das niederländische Weidemilch-Label nämlich auch an im Ausland hergestellte Weidemilch-Erzeugnisse vergeben.

Damit ist das dortige Modell nicht nur Vorbild, sondern auch Konkurrenz. Denn deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher können im Kühlregal beide Label finden. Das niederländische Weidemilch-Label sieht ebenfalls an mindestens 120 Tagen im Jahr mindestens sechs Stunden Weideauslauf vor, macht aber zum Beispiel zur Bewegungsfreiheit oder zur gentechnikfreien Fütterung keine Vorgaben. Auf der einen Seite wird es für Verbraucherinnen und Verbraucher damit in jedem Fall einfacher, gezielt Milchprodukte aus Weidemilch zu kaufen.

Auf der anderen Seite führen zwei parallel existierende Label auch zu Verwirrung und wer sich nicht gezielt informiert, wird zwischen den beiden zugrundeliegenden Anspruchsniveaus kaum unterscheiden können. Ob sich das anspruchsvollere neue "Pro Weideland"-Label durchsetzen und als neuer Standard für Weidemilch etablieren kann, wird daher in hohem Maße auch davon abhängig sein, welche Produkte beziehungsweise welches Label die großen Supermarktketten ins Sortiment aufnehmen.

Weitere Informationen

Online Angebot des Bundeszentrums für Ernährung zum Thema "Milch"

Heft "Milch und Milcherzeugnisse", Bestell-Nr. 1008, BLE-Medienservice.de